Dein Sportverein im Norden von Frankfurt

Der Sportverein 06 von 1923 - 1933

von Alfred Schottdorf
Quelle: Festschrift "100 Jahre Turn- und Sportgemeinschaft 1888 Nieder-Erlenbach"

Trennung: Wieder zwei Vereine am Ort

Am 27. März 1923 wurde der Sport-Verein von 14 Personen neu gegründet; soweit sie noch Mitglied des Turn-und Sportvereins waren, traten sie dort zum 1. April aus. Jetzt wurde der Zusatz „06" deutlicher herausgestellt als früher. Man wollte in dieser Situation wohl auf die Tradition des Vereins hinweisen. Zum 1. Vorsitzenden wurde wieder Karl Walz gewählt. Somit hatte die Vereinigung der beiden Verein nur knapp vier Jahre Bestand. Die Differenzen müssen aber schon bald nach der Fusion ausgebrochen sein, denn bereits 1921 hatten Karl Walz und Karl Kreutz ihr Amt im Vorstand des Turn- und Sportvereins niedergelegt.

Die Protokolle des Sport-Vereins beginnen leider erst wieder im Februar 1925, so daß wir aus seiner Sicht nichts über diese Entwicklung erfahren, sondern auf die Darstellung des Turn- und Sportvereins angewiesen sind.

Sport-Verein 06: Mitglied im Arbeiter- Turn-und Sportbund

In diese Zeit der Protokoll-Lücke fiel auch eine andere wichtige Entwicklung des Vereins, nämlich die zu einem Mitglied des Arbeiter-Turn- und Sportbundes (ATSB).

Als die Protokolle im Februar 1925 wieder einsetzten, war diese Entwicklung bereits abgeschlossen. Man bezeichnete sich jetzt als Genosse, die Versammlungen endeten nicht mehr mit einem dreifachen „Hipp, Hipp, Hurra," sondern mit einem „Frei Heil," und die Vorbereitungen für den Reichsarbeiter-sporttag waren in vollem Gang. Rückblickend kann man sagen, daß sich diese Entwicklung schon bei der Trennung der beiden Vereine ankündigte, in Wirklichkeit aber noch weiter zurückreichte. Sicher spielten die schon vor dem Krieg vorhandenen gesellschaftlichen Unterschiede und die damit verbundenen politischen Ansichten eine wichtige Rolle. Diese Unter­schiede traten unter den Bedingungen der Weimarer Re­publik deutlicher hervor, da sich jetzt die Parteien frei entfalten konnten. So wurde aus einem arbeiternahen Sport-Verein der Kaiserzeit ein Verein, der in der Weimarer Republik dem ATSB beitrat. Die gleiche Entwicklung zu einem Arbeiterverein hatten auch der Gesangverein Ein­tracht und der Radfahrverein Germania (jetzt „Solidarität") genommen. Dies waren ja auch bezeichnenderweise die einzigen Ortsvereine, die sich im Jahr 1907 am Stiftungsfest des Sport-Vereins beteiligt hatten. Diese schon früh einsetzende Zusammen-arbeit findet also ihre Erklärung darin, daß sich in diesen Vereinen weitgehend dieselbe gesellschaftliche Gruppe zusammengefunden hatte, was auch damit zusammenhing, daß Mitglieder des Sport-Vereins gleichzeitig Mitglied in einem der beiden anderen Vereine waren. Dies wird bei einer Versammlung des Sport-Vereins im Mai 1910 deutlich, weil der Besuch, wie der Protokollant schreibt, „geradezu ein erbärmlicher war" und die Hälfte der Anwesenden „nicht im Besitz ihrer fünf Sinne war Ausflug des Gesangvereins," was er auf den am Vortag (Samstag) zurückführt.

Am 7. Februar 1926 erfolgte ein weiterer Schritt in die eingeschlagene Richtung: Die Vorstände der folgenden Vereine beschlossen die Bildung eines Ortskartells: Arbeitergesangverein Eintracht, Arbeiterradfahrverein Solidarität, Ortsverein der SPD, Gewerkschaft, Naturfreunde sowie der Sport-Verein 06. Der Hauptzweck dieses Kartells, dessen Vorsitz Karl Kreutz übernahm, sollte sein, „den Vorkommnissen, wie es in den letzten Tagen bei gegnerischen Vereinen der Fall war, daß zwei Vereine aneinem Tag eine Festlichkeit arrangieren, aus dem Weg zu steuern." Ein Beispiel für die Wirksamkeit des Kartells gibt das Protokoll des Arbeiterradfahrvereins Solidarität: Als der Kriegerverein im Juli 1931 sein 50jähriges Bestehen feierte, waren einige Mitglieder der Solidarität offensichtlich gegen eine Teilnahme an den Jubiläumsfeierlichkeiten. Aber die Mitgliederversammlung war der Ansicht, „daß man sich hier dem Kartellbeschluß fügen und die Veranstaltung am Samstagabend besuchen muß." Ziel des Kartells war es also, die Zusammenarbeit der Arbeitervereine durch einen organisatorischen Rahmen zu fördern. Man folgte damit einem Beispiel, das auch aus Steinbach/Ts. (1923) und Dömigheim (1925) bekannt ist und sicher noch für andere Ortschaften zutreffen dürfte. Im Laufe der Zeit wurde die Sprache kämpferischer: Bei der 25-Jahr-Feier des Sport-Vereins im Jahre 1931 gedachte man bei der Kranzniederlegung auf dem Friedhof der Gefallenen, „die ihr Leben für kapitalistische Zwecke und Ziele hingeben mußten." Das Protokoll zu diesem Ereignis schließt mit den folgenden Worten: „So steht der Verein bei seinem silbernen Jubiläum in Zeiten tiefster Not und Niedergeschlagenheit der gesamten Arbeiterschaft als fest zusammengeschweißtes Ganzes im Kampfe um Erziehung und Ertüchtigung der Jugend im Sinne des Arbeitersports. Möge es den Generationen der Mit- und Nachwelt gelingen, ihn weiterhin auszubauen, damit er auch für die fernsten Zeiten festgefügt in sich, kraftstrotzend nach außen, bahnbrechend an der Spitze marschieren möge zur Befreiung des geknechteten Proletariats." Den Hintergrund für solche Worte im Juli 1931 bildete die zunehmende politische Polarisierung. Diese war eine Folge der Weltwirtschaftskrise, welche wiederum die Arbeitslosigkeit ausgelöst und damit die Reichstagswahlen vom September 1930 beeinflußt hatte (SPD verliert 6 %, NSDAP gewinnt 15 %).

Sportliche und gesellige Veranstaltungen

Anläßlich des Reichsarbeitersporttages organisierte der Verein im Juni 1925 für die Vereine der Bezirke Bad Vilbel und Oberursel einen Sportwerbetag, der am Vorabend mit einem Kommers eröffnet wurde. Die hierzu bereits angereisten Teilnehmer wurden in Familien untergebracht. „Am Sonntagmorgen in der Frühe wimmelte schon Erlenbach von Arbeitersportlern, und um 7 Uhr rückte eine große Schar mit fröhlichem Gesang nach dem Sportplatz," wo die turnerischen Vorführungen und leichtathletischen Wettkämpfe stattfanden.

Am Nachmittag setzte sich ein Festzug zum Sportplatz in Bewegung, „wo alsbald die Massenfreiübungen der Sportler und Sportlerinnen, Schüler und Schülerinnen vorgeführt wurden." Ein Fußballspiel und anschließend Tanz im Frankfurter Hof beendeten den Tag. Der Verein hatte hierbei folgende sportlichen Erfolge zu verzeichnen: Ph. Diehl wurde bei 34 Teilnehmern zweiter im Fünfkampf, H. Kreutz siegte im 100-m-Lauf mit 12,3 Sek., und die 4 x 100­m-Staffel (H. Kreutz, G. Lampert, Fr. Föll, Ph. Diehl) wur­de mit 49,7 Sek. Sieger.

Im Juli desselben Jahres fand im kurz vorher fertigge­stellten Frankfurter Waldstadion die Erste Internationale Arbeiter-Olympiade statt, an der Arbeitersportler aus 14 Nationen teilnahmen. Der Sport-Verein 06 beteiligte sich mit 17 Mitgliedern am Festzug. Das Protokoll zu diesem Ereignis endet so: „Wer Gelegenheit hatte, diese spannen­den Kämpfe zu beobachten, wird ohne weiteres die Fest­stellung gemacht haben, daß der Arbeitersport dem bür­gerlichen Sport nicht mehr viel nachsteht, sondern auf dem besten Wege ist, auch hier die Führung an sich zu reißen."

In diesem Jahr veranstaltete der Verein zwei Wett­kämpfe selber und nahm an sechs auswärtigen teil, wobei 12 Einzel- und 12 Mannschaftssiege errungen wurden. Im folgenden Jahr (1926) scheint aber ein Rückgang des Sportbetriebes eingesetzt zu haben. Zwar wollte der Verein sein 20jähriges Bestehen feiern und aus diesem Anlaß auch eine Fahne anschaffen. Das Protokoll berichtet aber nichts über die Ausführung dieser Vorhaben, und das Kassenbuch verzeichnet auch keine Ausgaben für eine Fahne.

Ernst Friedrich Kreutz III im Trikot des Sportvereins 06 bei 55 einem Sportfest in Neu-Isenburg etwa um 1925/26

Auf der Generalversammlung im Januar 1927 „entrollte der Vorsitzende ein geradezu klägliches Bild über das verflossene Geschäftsjahr. Er bedauerte, daß unsere heutige Jugend in puncto Interesse an der Sache auf dem Nullpunkt angelangt sei.” Bei einer Mitgliederver­sammlung im April desselben Jahres waren von 76 Mitgliedern nur 20 anwesend, und es wurde bemängelt, daß die Sportstunde in der Regel nur von drei bis vier Personen besucht werde. Der Protokollant meint: „Man sollte nicht glauben, daß unser Verein in dieser kurzen Zeit eine solche Flauheit zu verzeichnen hätte."

Die Staffel des Sportvereins 06 etwa um 1926/27; von links: August Apfel, Fritz Föll, Heinrich Kreutz /V, Heinrich Lampert; Betreuer Geoig Lampert

 

Das nächste Protokoll stammt erst wieder von der Ge­neralversammlung im März 1928. Der 1. Vorsitzende „schildert die schlechten Verhältnisse vom vergangenen Jahr, da der Verein fast ein ganzes Jahr geschlafen hatte." Aber es wird die neue Fußball-Abteilung erwähnt, „die wieder Leben in den Verein brachte, und es wurde ihr eine große Unterstützung zugesagt." Das Protokoll von der Mitgliederversammlung im „Kühlen Grund" vom Oktober 1928 bezeichnet das Fußballspiel „als zur Zeit einzigeaktive Betätigung des Vereins," und unter dem Stichwort „Turnbetrieb" „wurde ein altes Schmerzenskind behandelt, und Vorsitzender Walz ließ seine Ermahnungen wiederum vom Stapel."

Damit ist auch für das Jahr 1929 die Situation beschrie­ben: Der Fußballsport fand großes Interesse, Turnen und Leichtathletik lagen darnieder, was vor allem von den älte­ren Mitgliedern beklagt wurde. Andererseits hatte ein Maskenball im Februar 1929 die Kassenlage verbessert, es war „ein neues Heim" bezogen worden, und die neu ge­gründete Schülerriege mit 22 Kindern versprach eine bes­sere Zukunft. Für das Jahr 1930 wird erstmals wieder die Teilnahme an 4 Sportfesten berichtet, wobei 4 Siege er­rungen wurden.

1931, das Jahr des 25jährigen Jubiläums, stand im Zei­chen einer schlechten Kassenlage, „denn unser Verein hat durch die vielen Erwerbslosen sehr zu leiden." Deshalb beschloß der Sport-Verein auch, daß die Arbeitslosen, die bisher beitragsfrei waren, einen Betrag von 20 Pfennigen zahlen sollen. Aus diesem Grund wurde im Jubiläumsjahr auch statt des Maskenballs ein Familienabend veranstaltet, und das Jubiläum am 11. und 12. Juli sollte in kleinerem Rahmen begangen werden, d. h. ohne Festzug.

Die Jubiläumsveranstaltung begann mit der bereits erwähnten Kranzniederlegung auf dem Friedhof. Daran schloß sich eine Kommersfeier im Kühlen Grund mit Darbietungen des „Brudervereins" Freie Turner Nord, des Arbeitergesangvereins Eintracht und des Radfahrvereins Solidarität. Die anderen Ortsvereine, die auch eingeladen waren, „wußten ihre aktive Beteiligung durch allerlei unzureichende Gründe zu entschuldigen."

Am Sonntag fanden Fußball- und Handballspiele statt, an denen sich sechs auswärtige Vereine beteiligten, worunter im Handball auch Damen-mannschaften waren. Von turnerischen oder leichtathletischen Wettkämpfen ist keine Rede mehr. Aus Anlaß des Jubiläums wurden diejenigen Mit­glieder des Vereins, die zu den Gründern im Jahre 1906 gehörten, besonders geehrt. Es waren dies Jakob Fasold, Karl Kreutz, Wilhelm Kreutz, Daniel Nagel und Karl Walz.

Am 20. April 1932 schlossen sich der Sportverein 1919 Harheim und die Fußballabteilung des Sport-Vereins 06 Nieder-Erlenbach zur Spielvereinigung Harheim - Nieder-Erlenbach zusammen und wurden Mitglied im Arbeiter-Turn- und Sportbund. Diese Zusammenlegung wurde mit den beiderseitigen wirtschaftlichen Verhältnissen erklärt und durch einen 14 Punkte umfassenden Vertrag besiegelt.

Der Zusammenschluß zahlte sich schon im gleichen Jahr durch sportlichen Erfolg aus. Die Alte-Herren-Mannschaft verzichtete nur deshalb auf die Meister­schaft, weil mit den dann fälligen Auswärtsspielen höhere finanzielle Aufwendungen verbunden gewesen wären.

Die 1. Mannschaft stand am Ende des Jahres punktgleich mit Oberstedten an der Tabellenspitze. Nur die 2. Mann­schaft mußte „infolge rüpelhaften Betragens einiger jun­ger Mitglieder" zurückgezogen werden.

1933: Verbot des Sport-Vereins 06

Das Protokollbuch bricht ab mit einem am Ende des Jahres 1933 geschriebenen Rückblick auf die Generalver­sammlung vom 29. Januar sowie den Maskenball im Februar. Dazu heißt es: „Wenn wir am Schluß des Jahres einen Rückblick halten über Geschehenes, so fällt uns als erstes unser Maskenball ins Auge." Das hört sich merkwürdig unpolitisch an angesichts der Ereignisse des Jahres 1933, die für den Sport-Verein das Ende bedeuteten.

Am 25. März wurde die Bundeszentrale des ATSB in Leipzig von der SA besetzt. Drei Tage später beschloß der Vorstand des Nieder-Erlenbacher Turn- und Sportvereins einstimmig, „daß eine Benutzung des Sportplatzes ab I. April durch ihn (den Sport-Verein) nicht mehr zu erfolgen hat." Der Sport-Verein wußte offensichtlich, was ihm bevorstand, denn am 1. April löste er sein Sparkassenguthaben auf und teilte den Betrag von M 126,- unter den Mitgliedern auf Er war damit dem Verbot des Arbeiter-Turn- und Sportbundes in ganz Deutschland zum 30. April und der damit verbundenen Beschlagnahmung des Vermögens durch die NSDAP zuvorgekommen.

Am 21. Mai beschloß die Mitgliederversammlung des Turn- und Sportvereins: „Für die zu erwartenden Eintritte von Mitgliedern des ehemaligen Sport-Vereins werden Übertrittsformulare nach Vorschrift des DT hergestellt." Ob davon Gebrauch gemacht wurde, ist nicht bekannt.

 

Der Wagen des Sportvereins 06 beim Festzug zum 40jährigen Jubiläum des Turn- und Sportvereins am 12. August 1928