Dein Sportverein im Norden von Frankfurt

Der Turn- und Sportverein von 1919 - 1933

von Alfred Schottdorf
Quelle: Festschrift "100 Jahre Turn- und Sportgemeinschaft 1888 Nieder-Erlenbach"

Die Entwicklung des Vereins

Im August 1919 trat Fr. Baumart, der 2. Vorsitzende des Turnvereins, mit dem Vorschlag, der Turnverein und der Sportverein sollten sich zusammenschließen, an den Sportwart des Sportvereins K. Kreutz heran. Etwa drei Wochen später erhielten der Vorstand des Turnvereins und der Vorstand der Sportabteilung des Turnvereins eine schriftliche Einladung des Sportvereins zu einer gemeinsamen Sitzung, um die Einigungsverhandlungen abzuschließen. Aus einer undatierten Erklärung des TSV wissen wir etwas mehr von den Verhandlungen:

„Bei Beginn der Sitzung wurde der damalige Vorstand des Sportvereins 06 von dem 1. Vorsitzenden Ph. Schneider gefragt, weshalb die Antwort auf die erste Frage von Fr. Baumart unterblieben sei. Von Seiten des Sportvereins wurde geantwortet, dieses sei Nebensache, währenddem der 1. Vorsitzende des Turnvereins Ph. Schneider betonte, daß dies gerade für die kommenden Verhandlungen die Hauptsache sei. Durch Nachgeben der beiden Turnervorstände wurde nun die ausbleibende Antwort des Sportvereins übergangen und zu den Paragraphen weiter verhandelt. Durch den Beschluß der beiden Vorstände und Vereine wurde der neue Verein „Turn- und Sportverein 1888 e. V." gegründet und mit dem genannten Namen im Vereinsregister eingetragen."

Aus dem Tonfall der Erklärung ist zu entnehmen, daß gewisse Vorbehalte und Animositäten zwischen den Vor-ständen der alten Vereine vorhanden waren. Der erste Vorstand, von dem wir Kenntnis haben, wurde am 16.1.1920 gewählt und setzte sich wie folgt zusammen:

1. Vorsitzender Fritz Baumart

2. Vorsitzender Karl Walz

1. Kassierer     Karl Leonhard

1. Schriftführer  Lehrer Mohr

1. Turnwart       Karl Kreutz

2. Turnwart       Wilh. Baumart
1. Vorturner      Fritz Schwander
1. Spielwart      Wilh. Kreutz

1. Zeugwart      Ferdinand Schneider

Weiter wurden folgende Ausschüsse gebildet: ein Turnausschuß (6 Mitglieder), der Vorstand der Sportab-teilung (11 Mitglieder), ein Sportausschuß (15 Mitglieder), ein Technischer Ausschuß (5 Mitglieder), ein Spielaus-schuß (4 Mitglieder) und ein Platzausschuß (7 Mitglieder); dazu kam noch im Jahre 1921 ein Geschäftsführender Ausschuß mit 12 Mitgliedern. Aus den Jahren 1919 bis 1921 sind uns Mitgliederzahlen des TSV nicht überliefert. Nach den letzten bekannten Mitgliederzahlen dürfte die Mitgliederzahl des Vereins nach dem Zusammenschluß etwa 100 betragen haben. Bei dieser geschätzten Mitgliederzahl ist die Zahl der Ausschüsse und der delegierten Mitglieder außerordentlich hoch. Erklärbar ist diese „Überorganisation" wohl nur mit gegenseitigem Mißtrauen und Vorbehalten der Anhänger der alten Vereine, die sich nun durch viele Ausschüsse und wahrscheinlich möglichst paritätische Besetzung gegenseitig zu kontrollieren suchen. Karl Walz z. B., der ehemalige 1. Vorsitzende des Sportvereins 06, war 2. Vorsitzender des neuen

Vereins, 1. Vorsitzender der Sportabteilung, Mitglied des Sportausschusses und 1921 Vorsitzender des Geschäftsführenden Ausschusses.

Der neue Vorstand ging trotz vorhandener latenter Spannungen mit großem Eifer an die Arbeit. So wurden 1920 ein Sportplatz in Selbsthilfe hergerichtet und „Natio-nale Wettkämpfe" zur Sportplatzeinweihung organisiert, die 1921 als „Nationales Sportfest" wiederholt wurden. Im August 1921 wurde das Gau-Sportfest des Main-Taunus-Gaues der Deutschen Turnerschaft in Nieder-Erlenbach durchgeführt. In einer Vorstandssitzung am 30. November 1921 wurde die dringend notwendige Renovierung der Turnhalle beschlossen und 1922 durchgeführt: Der Boden der Turnhalle wurde in Selbsthilfe ausgehoben, mit Kies verfüllt und gedielt; das Innere der Turnhalle wurde gestrichen. Aber bereits in der Generalversammlung am 15. Januar 1922 kamen die latenten Spannungen zum Vorschein: Karl Walz, der bisherige 2. Vorsitzende, Adam Lügenbiehl, der bisherige 2. Schriftführer, und Karl Kreutz, der bisherige 1. Turnwart, kandidierten wegen „angeblicher" Arbeitsüberlastung nicht mehr und mußten ersetzt werden.

Etwa ein Jahr später, am 27. März 1923, wurde der Sportverein 06 von 14 Mitgliedern des TSV wiedergegrün-det. Der 1. Schriftführer W. Baumart nahm dazu im Jah-resbericht 1923 wie folgt Stellung:

„... Mitten in der Fülle der Arbeit mußte der Vorstand wahrnehmen, daß 14 Mitglieder an der Zahl am 27. März einen neuen Verein gründeten. Mitglieder aus der früheren Vereinigung hatten schon zwei Jahre der aktiven Tätigkeit Valet gesagt und haben den obengenannten Verein aus politischen Vorwänden gegründet. Die Herausgabe der Geräthe, die diese Vereinigung mitbrachte, wurde durch die Vorstandsvollmacht, die derselbe durch eine Generalversammlung erhielt, verweigert und bildet nun den Gegenstand jenes Gerichtsprozesses zwischen den sogenannten Walz und Genossen und dem Turn- und Sportverein 1888 e.V. Drei Termine sind bis jetzt ergeb-nislos verlaufen und am 14. Januar soll voraussichtlich die Entscheidung fallen. . ."

Der Prozeß ging offensichtlich verloren, da im Ge-schäftsbericht für 1925 erwähnt wurde, daß ein Teil der

Sportgeräte an den Sportverein 06 abgegeben wurde. (Die Auseinandersetzungen um den neu angelegten Sportplatz werden gesondert dargestellt). Die Neugründung des Sportvereins 06 wirkte sich sehr stark auf den Mitglie-derbestand aus: Am 1. 1.1923 hatte der TSV 171 Mitglie-der, ein Jahr später nur noch 76 Mitglieder, am 1.1.1924 waren es wieder 116; die Mitgliederzahl von etwa 100 konnte der Verein bis 1933 halten (Mitgliederbestand am 1. 1. 1933: 114).

Im Jahr 1923 erteilte das Hessische Kreisamt Friedberg dem Turn- und Sportverein, vertreten durch Karl Him-melreich und Philipp Spengler, „die Erlaubnis zum Be-treiben einer Schankwirtschaft in der Turnhalle an der Vil-

beler Straße..." Bis Ende 1927 betrieb der Verein selbst die Gaststätte. Ab 1. April 1928 wurde die Turnhallenwirt-schaft an Philipp Spengler verpachtet.

Im Jahre 1928 wurde das 40jährige Jubiläum am 11. und 12. August festlich begangen. In geheimer Abstimmung beschieß die Mitgliederversammlung, den Sportverein 06 offiziell zur Teilnahme einzuladen. Wegen der wirtschaftlichen Situation konnte nur in kleinem Rahmen gefeiert werden. An dem Festzug am 12. August beteiligten sich folgende Ortsvereine: Kriegerverein, Gesangverein Heiterkeit, Gesangverein Eintracht, Schützenverein, Radfahrverein, Kirchenchor, Arbeiter-Sportverein 06 und der Landwirtschaftliche Verein. Alle Gauvereine wurden vor allem zu der am Samstag, dem 11.8.1928, in der Turnhalle stattfindenden Jahnfeier (Gedächtnis des 150. Geburtstages des Turnvaters) eingeladen.

Am 21. Juli 1929 wurde eine Gründungsfeier anläßlich der Gründung einer Damen-Abteilung veranstaltet. Die Namen der ersten weiblichen Mitglieder des Vereins konnten noch festgestellt werden: Luise Grillmayer (verh. Leonhard), Susanne Himmelreich (verh. Steinmetz), Auguste Mehl, Eise Michel (verh. Rüppel), Susanne Mößner (verh. Ascher), Minna Odemer (verh. Rück), Luise Odemer (verh. Michel), Marie Pfeil (verh. Rau), Anna Schneider (verh. Truschel), und Alice Huber (verh. Roth). In der Generalversammlung am 14. Dezember 1929 wurde Au-guste Mehl als erstes weibliches Mitglied als Beisitzerin in den Vorstand gewählt.

 

Der Sportplatz „Auf der Insel"

Dem aus dem Zusammenschluß des Turnvereins und des Sportvereins entstandenen Turn- und Sportverein stellte im Jahre 1920 die bürgerliche Gemeinde Nieder-Erlenbach ein Grundstück nördlich der Steinstraße und östlich des Erlenbachs zur Verfügung. Um die Kosten für die Anlage des Sportplatzes aufzubringen, wurden von Dezember 1919 bis April 1920 von den Mitgliedern und Bürgern von Nieder-Erlenbach Anteilscheine in Höhe von rund M 5 500,- gezeichnet und erworben. Auf 2 075,-Mark wurde zum Wohle des Vereins Verzicht geleistet. Federführend bei dieser Aktion waren Wilhelm Brückmann und Karl Kreutz. Die ersten Arbeiten und die Arbeit der Vereinsmitglieder während des Streiks bei der Heinrich Kleyer AG, Frankfurt a. M., und während der Tage des Generalstreiks anläßlich des Kapp-Putsches (13. 3. bis 17. 3. 1920) wurden vom Verein bezahlt. Die restlichen Arbeiten wurden unentgeltlich von den Vereinsmitgliedern ausgeführt. Aus einer Erklärung des TSV zur Sportplatzfrage erfahren wir noch etwas über den Fortgang der Arbeiten:

„Vor der zu Ende gehenden Fertigstellung des Sport-platzes flaute der Arbeitsgeist merklich ab. Wenige Mit-glieder des einstmaligen TV 1888 gingen allabendlich bis in die späte Nacht hinein daran, um den Platz wenn auch kaum leistungsfähig, dann aber wenigstens so herzustel-len, daß das angemeldete Sportfest nicht der Abmeldung verfiel. Unter großen Mühen gelang es, der Arbeit Herr zu werden und den Platz bis auf einen Sockel, der in der Mitte des Platzes liegen blieb und fast ein halbes Jahr später erst entfernt wurde, fertigzustellen."

 

 

Sportfest zur Einweihung des Sportplatzes am 4.7.1920

So konnte am 4. Juli 1920 der neu angelegte Sportplatz „Auf der Insel" mit „Nationalen Wettkämpfen" eingeweiht werden. Ein Zeitungsbericht beschrieb das Sportfest in Nieder-Erlenbach:

„Leichtathletische Wettkämpfe veranstaltete unter Teil-nahme von 300 Streitern der Turn- und Sportverein Nieder-Erlenbach. Auf der Insel nördlich des Ortes hat sich die Sportlerschar eine Heimstätte aus eigener Kraft und Arbeit ohne fremde Hilfe geschaffen. Die Anlage mit ihrer Aschenrundbahn mit erhöhten Kurven bewährte sich vollauf. Die besonderen Verdienste um den sportlichen Aufschwung, der die ganze Umgegend zu einem Volksfe-ste vereinte, haben die Herren Friedrich Baumart, K Walz, W. Baumart und K Kreutz. Die gezeigten Leistungen der Teilnehmer waren auf voller Höhe, wenn auch die noch weiche Bahn die Zeiten leicht zog. Während des Festes war auf dem idyllisch im Erlen(bach)tal im Grünen liegenden Plätzchen Konzert . . ."

Ende 1921 trat der TSV an die bürgerliche Gemeinde heran, um eine Sicherheit für den Kostenaufwand in Hö-he von etwa 7000,- Mark zur Herstellung des Platzes zu erreichen. Der Gemeinderat beschieß daraufhin Anfang 1922, daß das Verfügungsrecht dem TSV allein überlassen bleibe und daß ein zweiter Verein nur mit Genehmigung des TSV den Sportplatz benutzen dürfe. Nach der Neu-gründung des Sportvereins 06 am 27. 3. 1923 erhielt der neugegründete Verein das Verfugungsrecht über den Sportplatz. Im Jahresbericht für das Geschäftsjahr 1923 ist folgendes dazu zu lesen:

„. . . Die durch diesen Zwist verursachte Lage führte auch die Benutzung des Sportplatzes dem neuen Verein zu, da hier politische Stimmenmehrheit im Gemeindevorstand über die Köpfe eines vorjährigen Gemeindebeschlusses und über die der Bürgerschaft hinausging. Selbst dem Wunsche der Bürgerschaft, die über die Hälfte durch Namensunterschrift schriftlichen Protest einlegte, wurde nicht stattgegeben ... So ist der Verein in einer Versammlung) dazu übergegangen und hat durch einen

Vertrag mit dem neuen Sportverein demselben das Mit-benutzungsrecht in die Hand gegeben. . ."

Soweit ersichtlich, ist es bei dem Nutzungsrecht des Sportplatzes für beide Vereine bis zur Auflösung des Sportvereins 06 nach der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 geblieben.

Sportliche Aktivitäten

Nach dem Zusammenschluß von Turnverein und Sportverein wurden in dem neuen Verein Handball, Leichtathletik und Turnen betrieben. Nach den vorhan-denen Unterlagen lag das Schwergewicht der sportlichen Aktivitäten auf der Leichtathletik, während Handball nur zeitweilig betrieben wurde und die Disziplin Turnen immer weniger Interesse fand. Im Jahr 1922 war der Turnbetrieb durch den Umbau der Turnhalle stark behindert und stagnierte. Weiter wirkte sich in den Jahren 1923 bis 1925 innerhalb des Vereins der Gegensatz zwischen den Anhängern von Turnen und von Sport (d.h. Handball und Leichtathletik) so aus, daß die Aktivitäten stark nach-ließen. Der Streit im Verein verband sich mit der Frage, ob man Mitglied in der Deutschen Turnerschaft bleiben oder Mitglied der Deutschen Sportbehörde für Athletik werden solle. Der Streit wurde im Oktober 1924 in einer Mitgliederversammlung zu Gunsten der Deutschen Tur-nerschaft entschieden. Im Geschäftsbericht für das Jahr 1924 finden sich die folgenden Bemerkungen:

„Auch in diesem Jahr fand gegenüber den Vorjahren ein erheblicher Rückgang im Geräteturnen statt. War es einesteils der Abgang an alten Kräften und das weniger Zuwachsen des Nachwuchses, so war es auf der anderen Seite der Kampf zwischen Turnen und Sport. Ein erfreuli-cher Funke gegenüber dem der Aktiven ist in der Schüler-abteilung eingetreten. Hier scheint der langersehnte Nachwuchs zu stehen. . ."

Hessischer Staatswanderpreis, errungen in der olympischen Staffel in den

Jahren 1922 bis 1924 von den Läufern K. Schüler, H. Michel, Vaupel,

H. Brückmann, Ph. Spengler, O. Schwander und F. Schüler

Im Siegesbericht für das Jahr 1925 wird von dem Ende der Auseinandersetzungen so berichtet:

„Durch die lang anhaltende Krise zwischen Turnen und Sport waren die Leistungen des vergangenen Jahres zu Anfang ... in das Hintertreffen geraten. Der Tag der Reichspräsidentenwahl erbrachte auch hier eine Klärung, indem man sich an diesem Tage eines Besseren besonnen hatte und erklärte, für die Deutsche Turnerschaft starten zu wollen."

Das Schwergewicht der sportlichen Aktivitäten lag in dem Berichtszeitraum unstreitig bei der Leichtathletik und hier besonders bei den Staffelwettbewerben.